Aktualisiert: Juli 2026
Kurzantwort: Stringing sind feine Fäden oder „Spinnweben”, die sich beim 3D-Druck zwischen getrennten Bauteilen oder über Lücken ziehen. Die Ursache ist fast immer eine Kombination aus zwei Faktoren: feuchtes Filament und eine falsch eingestellte Retraction. Der wirksamste erste Schritt ist deshalb, das Filament zu trocknen. Danach folgen die richtige Retraction-Distanz und -Geschwindigkeit, eine etwas niedrigere Drucktemperatur, hohe Reisegeschwindigkeit und Feineinstellungen wie Combing, Coasting und Z-Hop. PETG und TPU neigen materialbedingt stark zum Stringing, PLA nur wenig.
Was ist Stringing beim 3D-Druck?
Stringing — auch „Oozing” oder auf Deutsch schlicht Fadenziehen — beschreibt dünne Kunststofffäden, die dein Drucker hinterlässt, während der Druckkopf von einem Bereich zum nächsten fährt, ohne dabei drucken zu sollen. Statt sauber abzureißen, tritt weiter geschmolzenes Filament aus der Düse aus und wird als feiner Faden über die Lücke gezogen. Bei einem Druck mit vielen einzelnen Türmchen oder Objekten sieht das Ergebnis am Ende aus wie von Spinnweben überzogen.
Das Tückische am Stringing: Es ist selten ein Zeichen für einen defekten Drucker, sondern fast immer ein reines Einstellungs- und Materialproblem. Genau das ist die gute Nachricht — mit den richtigen Stellschrauben lässt sich Fadenziehen in den allermeisten Fällen vollständig beseitigen. Leichtes Stringing lässt sich zwar mit einem Heißluftföhn oder einem kurzen Abflammen kaschieren, aber das ist Symptombekämpfung. Wer die Ursache angeht, spart sich die Nacharbeit komplett.
Die zwei Hauptursachen: Feuchtigkeit und Retraction
Bevor du an einem Dutzend Slicer-Parameter drehst, lohnt es sich, die beiden mit Abstand häufigsten Auslöser zu verstehen. In der Praxis lassen sich über 90 Prozent aller Stringing-Probleme auf diese zwei Punkte zurückführen.
Feuchtes Filament ist die am meisten unterschätzte Ursache. Fast alle Filamente sind hygroskopisch, sie ziehen also Wasser aus der Luft. Beim Druck verdampft dieses Wasser in der heißen Düse schlagartig, reißt Materialbläschen mit nach außen und drückt geschmolzenen Kunststoff heraus — das Ergebnis sind Fäden, poppende Geräusche und eine rauere Oberfläche. Kein Retraction-Wert der Welt kompensiert nasses Filament vollständig. Deshalb steht Trocknen an Platz 1.
Die Retraction (Rückzug) ist der Mechanismus, mit dem der Extruder das Filament beim Leerfahren ein Stück zurückzieht, um den Druck in der Düse zu senken. Ist die Retraction zu kurz oder zu langsam eingestellt, bleibt zu viel Druck in der Schmelzkammer und Material quillt heraus. Ist sie zu aggressiv, drohen Unterextrusion oder Verstopfungen. Die richtige Balance ist der zweitwichtigste Hebel gegen Stringing.
Stringing vermeiden — die 10 wirksamsten Tipps
Arbeite die folgende Liste am besten von oben nach unten ab. Sie ist nach Wirkung sortiert: Die ersten Punkte bringen den größten Effekt, die späteren sind Feinschliff. Ändere immer nur einen Parameter auf einmal und drucke einen kleinen Stringing-Testdruck (zwei Türmchen mit Abstand), damit du den Effekt jeder Änderung isoliert beurteilen kannst.
- Filament trocknen (der wichtigste Schritt): Trockne die Rolle vor dem Druck in einer Trockenbox oder einem speziellen Filament-Trockner. Richtwerte: PLA 45–50 °C, PETG 55–65 °C, TPU 50–55 °C, jeweils 4–8 Stunden. Danach luftdicht mit Trockenmittel lagern. Allein dieser Schritt löst bei vielen Nutzern das Problem komplett — wie es richtig geht, zeigt unser Ratgeber zum Filament trocknen.
- Retraction-Distanz erhöhen: Zu wenig Rückzug ist die klassische Stringing-Ursache. Erhöhe die Distanz in Schritten von 0,5 mm. Startwerte: Direct-Drive-Extruder 0,5–2 mm, Bowden-Extruder 4–7 mm. Mehr ist nicht automatisch besser — zu viel Rückzug führt zu Aussetzern und Clogs.
- Retraction-Geschwindigkeit anpassen: Eine höhere Rückzugsgeschwindigkeit zieht das Material schneller aus der Druckzone. Typische Werte liegen bei 25–45 mm/s. Ist sie zu hoch, kann der Extruder das Filament „durchschleifen” (Grinding) — dann etwas reduzieren.
- Drucktemperatur senken: Zu heißes Filament ist dünnflüssiger und tropft leichter aus der Düse. Senke die Düsentemperatur in 5-°C-Schritten, bis die Fäden verschwinden, ohne dass die Schichthaftung leidet. Oft bringen schon 5–10 °C weniger den Durchbruch.
- Reisegeschwindigkeit (Travel Speed) erhöhen: Je schneller der Druckkopf über die Lücke fährt, desto weniger Zeit bleibt dem austretenden Material, einen Faden zu bilden. Werte von 150–250 mm/s sind gängig, sofern die Mechanik das sauber mitmacht.
- Combing / „Nur innerhalb der Außenhaut fahren”: Diese Slicer-Funktion (bei Cura „Combing”, bei PrusaSlicer „Avoid crossing perimeters”) zwingt den Druckkopf, Leerfahrten möglichst innerhalb des Bauteils zu halten. Fäden, die dann noch entstehen, liegen im Inneren und sind auf der Sichtfläche unsichtbar.
- Coasting aktivieren: Beim Coasting stoppt der Extruder die Förderung kurz vor Ende einer Bahn, sodass der Restdruck in der Düse die letzten Millimeter füllt. Das reduziert den Überdruck genau dort, wo sonst der Faden beginnt. Vorsichtig dosieren, da es die Kanten leicht unterfüllen kann.
- Wiping (Wischen) einschalten: Der Druckkopf fährt am Ende einer Bahn ein Stück über bereits Gedrucktes und „wischt” dabei die Düse ab, bevor er zur Leerfahrt ansetzt. Das nimmt der Düse das überschüssige Material, das sonst zum Faden würde.
- Z-Hop nutzen (mit Bedacht): Beim Z-Hop hebt sich die Düse bei Leerfahrten leicht an. Das verhindert, dass sie über bestehende Fäden schleift und diese verschmiert — beseitigt Stringing aber nicht ursächlich. Als Ergänzung sinnvoll, nicht als Ersatz für Retraction.
- Düse sauber halten: Materialreste und verkokeltes Filament außen an der Düse hinterlassen bei jeder Fahrt Schlieren. Reinige die Düse regelmäßig mit einer Messingbürste und stich verstopfte Öffnungen vorsichtig mit einer Reinigungsnadel frei. Eine saubere Düse fördert gleichmäßig und tropft weniger.
Die richtigen Retraction-Startwerte
Die optimalen Retraction-Werte hängen stark vom Extruder-Typ ab. Ein Bowden-System hat einen langen Schlauch zwischen Motor und Düse und braucht deshalb deutlich mehr Rückzug als ein Direct-Drive-Extruder, der direkt über dem Hotend sitzt. Die folgende Tabelle liefert bewährte Startwerte, von denen aus du dich herantastest.
| Parameter | Direct Drive | Bowden |
|---|---|---|
| Retraction-Distanz | 0,5–2 mm | 4–7 mm |
| Retraction-Geschwindigkeit | 25–45 mm/s | 25–45 mm/s |
| Reisegeschwindigkeit (Travel) | 150–250 mm/s | 150–250 mm/s |
| Z-Hop bei Retraction | 0,2–0,4 mm (optional) | 0,2–0,4 mm (optional) |
| Combing / Avoid crossing | an | an |
Wichtig: Diese Werte sind ein Ausgangspunkt, keine Garantie. Jede Kombination aus Drucker, Hotend und Filament verhält sich etwas anders. Nutze einen Retraction-Test (Temperatur-Turm oder Stringing-Test), um die Werte für deine konkrete Rolle zu kalibrieren.
Ursachen und Lösungen auf einen Blick
Wenn du das Fadenziehen systematisch angehen willst, hilft diese Übersicht: Sie ordnet jedem typischen Symptom die wahrscheinliche Ursache und die passende Gegenmaßnahme zu.
| Ursache | Typisches Anzeichen | Lösung |
|---|---|---|
| Feuchtes Filament | Fäden trotz guter Retraction, poppende Geräusche, raue Oberfläche | Filament trocknen, trocken lagern |
| Retraction zu gering | gleichmäßige Fäden zwischen allen Teilen | Distanz und/oder Geschwindigkeit erhöhen |
| Temperatur zu hoch | viele feine Fäden, glänzendes „Nasenbluten” an der Düse | Düsentemperatur in 5-°C-Schritten senken |
| Reisegeschwindigkeit zu niedrig | Fäden vor allem über größere Lücken | Travel Speed erhöhen |
| Düse verschmutzt | Schlieren und Klümpchen auf der Oberfläche | Düse außen reinigen, innen freistechen |
| Material neigt materialbedingt | starkes Stringing bei PETG oder TPU | Trocknen + Feineinstellung (Coasting, Wiping) |
Material-Hinweis: PLA, PETG und TPU im Vergleich
Nicht jedes Filament neigt gleich stark zum Fadenziehen. Das Material bestimmt maßgeblich, wie viel Mühe du in die Stringing-Bekämpfung stecken musst. PLA ist hier der gutmütigste Kandidat, während PETG und flexibles TPU deutlich anspruchsvoller sind.
| Material | Stringing-Neigung | Besonderheit |
|---|---|---|
| PLA | gering | verzeiht viel, Fäden meist schon durch Standard-Retraction weg |
| PETG | hoch | stark hygroskopisch, reagiert empfindlich auf zu hohe Temperatur |
| TPU (flexibel) | sehr hoch | weiches Material, langsames Drucken und wenig Retraction nötig |
| ABS / ASA | mittel | Fäden meist über Temperatur und Trocknung beherrschbar |
PETG ist berüchtigt für Stringing, weil es besonders viel Feuchtigkeit zieht und in einem engen Temperaturfenster arbeitet. Wer viel mit diesem Material druckt, findet die passenden Startwerte und Kniffe im PETG-Guide. Bei flexiblem TPU kommt erschwerend hinzu, dass sich das weiche Filament im Extruder staucht — hier hilft langsames Drucken und ein sehr kurzer Rückzug, mehr dazu im TPU-Guide. Wie sich PLA und PETG grundsätzlich unterscheiden, erklärt unser Vergleich PLA vs. PETG.
Feuchtigkeit dauerhaft in den Griff bekommen
Weil feuchtes Filament die Ursache Nummer eins ist, lohnt sich hier eine dauerhafte Lösung statt Trocknen im Notfall. Frisch geöffnete Rollen sind nicht automatisch trocken — je nach Lagerdauer beim Händler kann schon eine neue Spule Feuchtigkeit gezogen haben. Besonders PETG, Nylon und TPU sind heikel.
Ein Filament-Trockner hält die Rolle während des Drucks auf Temperatur und verhindert, dass sie zwischendurch wieder Wasser zieht. Für die Lagerung zwischen den Drucken sind luftdichte Boxen mit Trockenmittel Pflicht — wie du das sauber organisierst, zeigt unser Ratgeber zum Filament lagern. Welche Geräte sich im Test bewährt haben, liest du im Filament-Trockner-Test.
Häufige Fragen
Was ist Stringing beim 3D-Druck?
Stringing (auch Oozing oder Fadenziehen) bezeichnet feine Kunststofffäden, die sich beim Druck zwischen getrennten Bauteilen oder über Lücken ziehen. Sie entstehen, wenn beim Leerfahren des Druckkopfs weiterhin geschmolzenes Material aus der Düse austritt, statt sauber abzureißen. Das Ergebnis sieht aus wie ein feines Spinnennetz über dem Druck.
Was ist die häufigste Ursache für Stringing?
Die beiden häufigsten Ursachen sind feuchtes Filament und eine falsch eingestellte Retraction. Feuchtigkeit verdampft in der Düse und drückt Material heraus, eine zu geringe Retraction lässt Restdruck in der Schmelzkammer. Deshalb steht Trocknen an erster und die Retraction-Einstellung an zweiter Stelle bei der Fehlersuche.
Welche Retraction-Einstellung hilft gegen Fäden?
Als Startwerte gelten 0,5–2 mm Rückzug bei Direct-Drive-Extrudern und 4–7 mm bei Bowden-Systemen, jeweils mit 25–45 mm/s Rückzugsgeschwindigkeit. Erhöhe die Distanz in 0,5-mm-Schritten und teste mit einem kleinen Stringing-Testdruck. Zu viel Retraction ist kontraproduktiv und kann zu Aussetzern oder Verstopfungen führen.
Warum zieht PETG so stark Fäden?
PETG ist stark hygroskopisch, zieht also viel Feuchtigkeit aus der Luft, und arbeitet in einem relativ engen Temperaturfenster. Beide Eigenschaften begünstigen Stringing. Wer PETG trocknet, die Temperatur nicht zu hoch wählt und Combing sowie Coasting nutzt, bekommt aber auch dieses Material weitgehend fadenfrei gedruckt.
Hilft eine niedrigere Temperatur gegen Stringing?
Ja. Zu heißes Filament ist dünnflüssiger und tropft leichter aus der Düse. Senke die Düsentemperatur in 5-°C-Schritten, bis die Fäden verschwinden — achte aber darauf, dass die Schichthaftung nicht leidet. Ein Temperatur-Turm hilft, das optimale Fenster für deine konkrete Rolle zu finden.
Wie bekomme ich Fäden nach dem Druck weg?
Leichtes Stringing lässt sich nachträglich mit einem Heißluftföhn auf niedriger Stufe oder einem kurzen, vorsichtigen Abflammen entfernen — die feinen Fäden schmelzen dabei weg. Das ist jedoch nur Symptombekämpfung. Nachhaltig löst du das Problem, indem du das Filament trocknest und die Retraction sowie Temperatur richtig einstellst.
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